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4 Minuten Lesezeit (778 Wörter)

TEL und die ungewisse Zukunft von Avgas 100LL

(redaktioneller Beitrag)


Die Zukunft von hochoktanigem Avgas ist ungewiss. Schätzungsweise 16.000 Flugzeuge in Europa und mehr als 100.000 im Rest der Welt benötigen ein Avgas mit 100 Oktan. Daher ist es wichtig, dass Avgas zumindest für die nächsten Jahrzehnte verfügbar ist, oder bis es hoffentlich bald durch einen völlig CO2-neutralen Kraftstoff ersetzt werden kann.
Lassen Sie uns versuchen zu erklären, worin das Problem im Moment besteht. TEL ist die Abkürzung, die wir uns merken müssen. Sie steht für Tetraethylblei, den bleihaltigen Zusatzstoff im Flugbenzin Avgas 100 LL.
Die ECHA ist eine Agentur der Europäischen Kommission, sie hat ihren Sitz in Helsinki und ist als "European Union Chemicals Agency" für Chemikalien und Umweltschutz zuständig. REACH ist eines der zentralen Programme der ECHA, die Abkürzung steht für "Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals".
Im Rahmen von REACH haben sich die Umweltschützer im Herbst 2019 erstmals mit dem Stoff Tetraethylblei (TEL) befasst. Eine Risikoanalyse hat die Gefährdung von Bürgern und Umwelt durch TEL als erheblich eingestuft.
Der einzige verbliebene TEL-Hersteller auf dem Weltmarkt hat seinen Sitz in Großbritannien. In der Vergangenheit wurde TEL in allen Kraftstoffen für Kraftfahrzeuge verwendet, doch wurde es dort vorüber 40 Jahren erfolgreich ersetzt. In der Luftfahrt ist dies jedoch noch nicht gelungen. Wer glaubt, dass es sich bei diesem Projekt wieder einmal um ein rein europäisches Verwaltungsphänomen handelt, sollte sich das PAFI-Projekt in den USA anschauen. Mit Hilfe der "Piston Aviation Fuels Initiative" versuchen die Luftfahrtbehörde FAA und die Industrie in den USA seit Jahren, einen neuen bleifreien Nachfolgekraftstoff zu entwickeln, um das von verschiedenen Umweltgruppen angegriffene Avgas 100LL vom Markt nehmen zu können. Doch trotz jahrelanger Forschung und Entwicklung liefert das PAFI-Projekt noch nicht die gewünschten Ergebnisse; die Aufgabe, einen Nachfolger zu finden, der ohne weiteren Aufwand 1:1 ersetzt werden kann, ist offenbar nicht trivial.
Oder gibt es bereits den erlösenden Durchbruch? Der US-Hersteller GAMI hat bei der Suche nach einem bleifreien hochoktanigen Avgas offenbar einen Erfolg erzielt. Auf der jüngsten EAA Convention in Oshkosh wurde eine ergänzende Musterzulassung für einen bleifreien 100-Oktan-Kraftstoff vorgestellt, die sich bisher nur auf die Cessna 172 bezieht, aber erweitert werden soll. 

Allerdings ist noch unklar, ob die als Zusatzstoffe verwendeten Aromaten in Europa zugelassen werden können. Die Antwort auf diese Frage wird darüber entscheiden, ob das neue Produkt den erhofften Durchbruch bringen wird. Im Juni 2021 hat die EU-Kommission eine Empfehlung ausgesprochen, die Einfuhr und Verwendung von TEL genehmigungspflichtig zu machen. Was wird das Ergebnis sein? Das weiß heute leider niemand, denn es handelt sich um einen politischen wie auch technischen Prozess mit mehreren Verfahrensschritten.
Im besten Fall kommt die Zulassung für TEL zustande, der Stoff kann importiert und weiterverarbeitet werden, in der Zwischenzeit wird entweder bei PAFI in den USA oder in Europa eine längst überfällige bleifreie Kraftstoffalternative entwickelt und auf den Markt gebracht.
Im schlimmsten Fall wird TEL nicht zugelassen, weil entweder die Industrie keinen Antrag gestellt hat oder die Behörden die Zulassung nicht erteilen. Ein bleifreier Nachfolgekraftstoff, der das Gesamtproblem löst, wird ebenfalls nicht rechtzeitig entwickelt. In diesem Fall wird TEL nach einer Übergangsfrist, ab dem so genannten "Sunset Date" im Herbst 2024, in der EU nicht mehr als Reinstoff, sondern nur noch als 1 Promille-Verdünnung im Avgas eingeführt werden. Das wiederum würde bedeuten, dass das europäische Avgas 100LL in der nächsten verfügbaren Raffinerie außerhalb der EU - derzeit in den USA - hergestellt und dann nach Europa transportiert werden müsste. Ersten Schätzungen zufolge könnte dies den Preis für Avgas 100LL um bis zu einem Euro pro Liter erhöhen und es damit faktisch aus dem Markt nehmen.

Was unternimmt die europäische IAOPA jetzt? Gemeinsam mit verschiedenen Luftfahrtverbänden haben wir eine Erklärung abgegeben mit dem Ziel, die Zulassung zu verschieben, bis eine bleifreie Kraftstoffalternative auf dem Markt ist. Die weitere Verwendung von TEL kann nicht auf Dauer verhandelt werden. Um ehrlich zu sein: Dieser Stoff TEL muss so schnell wie möglich verschwinden, er schadet uns nicht nur biologisch, sondern auch politisch. Leider haben die Motoren- und Kraftstoffhersteller hier Jahrzehnte mehr oder weniger untätig gelassen.
Wir wollen auch ein europäisches Forschungsprojekt, es gibt bereits einen Hersteller, der ein Patent angemeldet hat, aber noch keine Zulassung für die Luftfahrt hat. Wir werden bei diesem Vorschlag für ein europäisches Entwicklungsprogramm von der EASA aktiv unterstützt.

Was sollten Sie tun? Sie sollten prüfen, ob Ihr Motor bereits mit bleifreiem Avgas UL 91/96 betrieben werden darf. Vor dem Kauf eines neuen Flugzeugs sollten Sie sich überlegen, ob Sie das unbekannte Risiko eines Ausfalls der Avgas 100LL Versorgung eingehen oder ein Flugzeug einsetzen, das kein Avgas 100LL benötigt. Dann sind Sie auf der sicheren Seite.

(übersetzt aus dem Englischen Artikel der IAOPA vom 31.08.2021)


 

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