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IFR Ausbildung als Corona Rating

Auf spezielle Einladung unserer geschätzen Motorflugredaktion poste ich hier meinen Beitrag vom Jänner nochmals als Blog - angreichert um ein paar Fotos:

Mein Beitrag war angeregt durch den sehr hilfreichen Bericht von Michael aus 2018 "IFR Ausbildung als Spätberufener".


Ich habe Ende Jänner die IR Ausbildung (so wie Michael ebenfalls als Spätberufener) abgeschlossen.

Von meinem Profil her fliege ich seit rund 20 Jahren mit PPL VFR, und zwar hauptsächlich privat, nur selten für geschäftliche Reisen. Ich komme auf 50 bis 70 Stunden im Jahr, betreibe mit einem Co-Halter ein eigenes Flugzeug und bin zusätzlich Mitglied in einem Verein. Dazu bin ich passionierter Spornrad-Flieger und finde kaum etwas schöner als am Freitagabend mit einer PA-18 low and slow in den Sonnenuntergang zu cruisen.Vor diesem Hintergrund habe ich also eigentlich überhaupt keinen Bezug zu IFR.

Trotzdem hat mich das Thema immer schon gereizt, als Erweiterung meiner fliegerischen Fähigkeiten uns als Beitrag zur eigenen Sicherheit. Für mich war das Wetter immer die größte Hürde. Nach einem unbeabsichtigten Einflug in Wolken hatte ich immer größten Respekt vor dem Wetter und habe viele Flüge nicht angetreten, obwohl sie vermutlich möglich gewesen wären. In der warmen Jahreszeit flog ich gerne regelmäßig an die Adria, konnte mich dort aber nie 100% entspannen, weil immer die Frage im Raum stand, ob ich am nächsten/übernächsten Tag zurückkommen würde.



Obwohl ich bisher immer den Aufwand gescheut hatte, entschloss ich mich dann vor einem Jahr die IR-Ausbildung zu beginnen, ohne mir Zeitdruck zu machen. Schließlich sollte das ganze in erster Linie ein Hobby bleiben. Ich habe mehrfach gelesen, dass IR das schwierigste jedoch auch wichtigste Rating ist, dass man als Pilot machen kann. In USA wurde in den letzten Monaten auch oft vom „Corona-Rating" gesprochen. In einer AOPA-Umfrage, für welches Rating Piloten im home office lernen, antwortete die Mehrheit mit IR. 



Während ich anfangs aus Kostengründen eigentlich nur SEP-IR machen wollte, wurde mir nach näherer Beschäftigung mit der Materie schnell klar, dass ich dann nie in der Nacht fliegen würde, weil mir einmotorig das Risiko zu groß wäre. Analog würde ich auch nicht fliegen, wenn die Wolken auf Bergen aufliegen. „Schönwetter-IFR" war mir aber zu wenig. Daher wurde klar, dass es MEP-IR werden würde. (Seit einigen Monaten kann man übrigens SEP-IR mit eintragen zu lassen, ohne eine separate Prüfung machen zu müssen.)



Zuerst war aber – wie von Michael gut und detailliert beschrieben – die Hürde der Theorieprüfung zu nehmen. Und diese Hürde war für mich persönlich wirklich gewaltig! Nicht nur weil der Stoff sehr umfangreich ist und ich schnell bemerkt habe, dass Auswendiglernen mit zunehmendem Alter zunehmend schwerer fällt (ähnlich wie das Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments) sondern insbesondere, weil der Stoff aus meiner Sicht zu 85% vollkommen praxisfremd und sinnbefreit ist. Das entwickelte sich sehr bald zu einer mentalen Hürde. Denn während um 30 Jahre jüngere ATPL-Aspiraten den Stoff einfach auswendig lernen, um ihr Berufsziel zu erreichen, begann ich als kritisch denkender Mensch mit mehr Lebenserfahrung mich über jede Frage zu ärgern und zu hinterfragen, warum ich das wissen muss, wem das eingefallen ist und welchem EASA-Beamten ich eine in die G… hauen kann. (Es gibt sogar einige Fragen, die falsch beantwortet werden müssen, damit man die Punkte erhält.) Ich kam dann erst weiter, als ich meiner Einstellung änderte, weil mir ein Leidensgenosse im Chat bei der Diskussion, warum eine Frage so und nicht anders zu beantworten ist, antwortete „Who the f… cares? Memorize, move on, get your rating!". Trotzdem macht es sehr betroffen, dass tausende (meist junge) Schüler hunderte Stunden verschwenden müssen, während man diese Zeit auch nutzen könnte, etwas Sinnvolles zu lernen, das der Sicherheit im zukünftigen Job dient.

Ebenso wie Michael lernte ich auch mit dem Fragenkatalog von Aviationexam. Sonstiges Lernen von Theoriestoff ist reine Zeitverschwendung. Nur Auswendiglernen führt zum Ziel. Ursprünglich wollte ich die 7 Theoriefächer auf 2 Prüfungstermine aufteilen. Dann kam mir aber der 1. lockdown dazwischen und ich musste 4 Monate auf einen Prüfungstermin bei der ACG warten, an welchem ich dann in allen Fächern antrat und alle auf Anhieb bestand. Mein Ergebnis lag je nach Fach zwischen 82,6 und 100% und bei Flight Planning und Monitoring ging es mir wie Michael: die Zeit ist einfach zu kurz und man muss sich eine Strategie überlegen trotzdem genug Punkte zu sammeln.



Um mich selbst während des Theorielernens etwas zu motivieren, absolvierte ich bereits in dieser Phase das MEP Rating, N-VFR und das G1000 differences training.

Nachdem das Thema Theorie aus dem Weg war, begann endlich der Spaß. Obwohl tw. sehr fordernd empfand ich die Stunden im FNTP II Simulator als sehr spannend, lehrreich und (im Vergleich zur Theorie) natürlich praxisnah. Und die Flugstunden in der DA-42 waren danach quasi die Belohnung für all die Mühe davor mit großartigen Eindrücken wie traumhaften Sonnenuntergängen über der geschlossenen Hochnebeldecke, wunderschönen approaches in der Nacht und netten Plaudereien mit vom lockdown fadisierten Radar Lotsen, die sich freuten, dass jemand vorbeikam, um alle zur Verfügung stehenden Anflugverfahren auszuprobieren.



Rückblickend kann ich sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Mein fliegerischer Horizont hat sich extrem erweitert. Mein Sicherheitsgefühl hat sich verbessert. Ich fliege wesentlich genauer, auch wenn ich VFR unterwegs bin (bei Abweichungen von mehr als 100 ft fällt man beim skill test durch). Ich kann zwar nicht bei jedem Wetter, aber doch unter wesentlich vielfältigeren Wetterbedingungen fliegen als früher. Und ich habe meinen übergroßen Respekt vor Schlechtwetter besser unter Kontrolle. Das heißt nicht, dass ich jetzt in jede Wolke reinfliegen werde (schon gar nicht ohne TKS), aber in konnte Erfahrung in Schlechtwetter sammeln und kann viel besser einschätzen, wo die Grenzen liegen. Ich kann weiter wegfliegen, ohne fürchten zu müssen wetterbedingt irgendwo länger zu stranden. Und ich muss mich nicht mehr um komplexe Lufträume (speziell im Ausland) kümmern.

Fazit: sehr empfehlenswert!

Viele Grüße,
Gerhard 


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